Willi Müller
Feder






Willi




In Afrika sterben die Kinder vor Hunger...






"In Afrika sterben die Kinder vor Hunger und du isst dein Mittagessen nicht auf. Aus meiner gymnasialen Sicht als Bildungsjugendlicher ging das Argument meiner Mutter am Thema vorbei. Turnte mich doch die Linsensuppe ähnlich ab, wie Dieter Thomas Heck in Damenstumpfhose; und der Spinat schleimte schlimmer als die Teichfrösche, die ich mit meinen Kumpels durch Aufblasen zum Platzen gebracht hatte. Zwecks Prävention vor weiteren Sprüchen dieser Art formulierte ich einen scharf gewürzten Einwand: "Dann schick den Fraß, der übrig bleibt, halt nach Afrika hinunter, damit die Negerkinder1 ihn dort essen können!"

Von da an fand ich wieder meine Ruhe am Tisch - musste allerdings für einige Tage den faden Beigeschmack beleidigter Eltern in Kauf nehmen.

Als Erwachsener wird man klüger: Erstens merkt man, dass die Sprüche der Eltern so schlecht nicht sind und zweitens beleidigt man keine Leute, die für einen gekocht haben. Selbst wenn sie ungefragt für einen gekocht haben. Wie z.B. an jenem Abend. Nicht dass das Essen ungenießbar war; es schmeckte gut eigentlich sehr gut. Das Zentralproblem lag im interkulturellen Geschehen. In der unterschiedlichen Deutung von Sachverhalten durch einen individualisierten Deutschen, nämlich mich, und gastfreundlichen Kretern, Tante und Onkel meiner damaligen Freundin.

Für mich bedeutet "nein danke" schlicht und einfach "danke nein". Auch auf die Frage, ob ich noch etwas essen wolle. Anders meine Gastgeber: Diese fühlten sich durch Nein-Antworten erst richtig motiviert, meinen Willen zu brechen, sprich mir gutes zu tun. Was gut für mich sei, glaubten sie besser zu wissen, wie ich selbst. Mir täte gut, nachts um 22:30 Uhr neben einer gegrillten Lammhaxe noch mehrere Lammkotellets samt Pommesburgen einzuverleiben. Dass ich bereits was zu Abend gegessen hatte, bevor ich am Tisch der Gastgeber platz nahm, zählte als Argument nicht.

Die Ursache für dieses Malheur lag an meiner Freundin Evangelia. Die dumme Kuh hatte es erst viel zu spät für nötig gehalten, mich über die Einladung zu informieren, nachdem ich ein Vorabendmahl im potentiellen Schwiegerelternhaus eingenommen hatte.

"Essen kann man immer", wenn es schmeckt, erklärte mir Jiorjia, die Köchin und Gastgeberin spitzfündig. Meine Freundin Evangelia setzte auf deutsch nach: Du kannst jetzt nicht unhöflich sein, und sagen, dass du keinen Hunger hast, schließlich hat die Jiorjia extra für uns gekocht. Hier in Kreta gilt die Essensmenge, die ein Gast verspachtelt, als Gradmesser für die Sympathie gegenüber den Gastgebern. Auch denken die, sie konnten umso mehr Gutes für dich tun, je größer und fetter die Menge ist, die du dir reinhaust!"

"Aber wenn es das Beste für mich ist, nur wenig und leicht verdaulich zu essen, tun sie mir Gutes, dies zu akzeptieren, wandte ich ein."

Evangelia erklärte: "Das kapieren die nicht. Die leben noch in ihren alten Traditionen. Die glauben wirklich, das ist gut für dich, wenn du dich voll stopfst. Deswegen sind die Kinder hier aus so fett. Noch fetter als in Deutschland. Die Fresstraditionen entstanden halt in einer Zeit, als die Menschen chronisch unter Nahrungsmangel litten. Und die älteren Kreter haben diese Zeit noch in sich - auch wenn diese jetzt vorbei ist, aber so ist es halt"

Ich verstand.

Unsere kretischen Gastgeber taten an diesem Abend ihr Bestes, sich mir gegenüber sympathisch zu zeigen. Äußerst fürsorglich kümmerten sie sich um mein leibliches Wohl - aus ihrem traditionell-kulturellen Blickwinkel heraus. In meinem individuellen Empfinden bewirkten sie genau das Gegenteil: Ihre gut gemeinte Aufdringlichkeit erzeugte massiven Psychodruck und sorgte in Kombination mit meiner damaligen Nachgiebigkeit für extremes Völlegefühl.

"In Afrika sterben die Kinder vor Hunger und mir ist vor lauter Essen schlecht!", sagte ich zu meiner Freundin, nachdem wir uns verabschiedet hatten und fügte an. "Wie gut würde ich schlafen, wenn ich heute Abend nur Linsensuppe und Spinat zu mir genommen hätte.




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1 Zu meiner Zeit als Kind war es noch gang und gäbe, Schwarze als Neger zu titulieren.