Martina Buchbinder
Feder






Martina




Nigel's Engel

Krimi von Martina Buchbinder





Nervös lief er in seinem Mahagonigetäfelten Büro auf und ab. Hastig zog er an seiner Zigarre. Die Uhr zeigte 5 Minuten vor 18 Uhr. In genau einer halben Stunde würde sein Racheplan Erfüllung gefunden haben. Er rieb sich die Hände. William Burks, sein härtester Konkurrent wäre dann schon nicht mehr unter den Lebenden, dachte Nigel Thornton bei sich.

Der Schweinehund hatte beinahe sein Lebenswerk zerstört. Aber damit begnügte sich dieser Emporkömmling nicht. Jetzt wollte er ihm auch noch Sarah wegnehmen. Nigel war sich sicher, dass dieser Kerl sein kleines Mädchen unglücklich machen werde.

Er dachte an die glücklichen Tage zurück, als Sarah noch ihm alleine gehört hatte. Nach Marina's tragischem Segelunfall war er für die Dreijährige Vater und Mutter gewesen. Trotz seines anstrengenden Berufs schaffte er es jeden Abend seinen kleinen Engel noch eine Gute-Nacht-Geschichte vorzulesen. Die Wochenenden hatten ganz Sarah gehört. Sie waren zum Angeln gegangen, hatten Baseballspiele besucht oder im Swimmingpool herumgetollt. Nigel kam es vor, als sei dies alles erst gestern gewesen. Sarah war doch noch ein Kind. Wie konnte sie sich dann in diesen Mann verlieben?
Erst gestern hatte es wieder eine der heftigen Auseinandersetzung gegeben. Dies kam jetzt häufig vor.

William Burks war bei Nigel's renommierter Kanzlei gleich nach seinem Yale-Abschluß eingestiegen. Und Burks war ein guter Anwalt. Schlau wie ein Fuchs und eiskalt zog er seine Sache durch. Das hatte Nigel anfänglich imponiert. Ein paar Jahre später hatte er William zu seinem Partner gemacht. Nigel dachte, er könne Burks vertrauen. Bis zu dem Tag, als er sein wahres Gesicht offenbarte.

Burks kündigte von heute auf morgen, ohne Angabe von Gründen. Dies allein, wäre für Nigel kein großer Verlust gewesen! Doch der Mistkerl hatte seinen wichtigsten Klienten, Ishihara Electronics, mitgenommen. Und in der gegenwärtig wirtschaftlich angespannten Lage, war dies eine Katastrophe. Plötzlich kämpfte Nigel's Kanzlei, die er als sein Lebenswerk ansah, ums nackte Überleben.

Er hatte hart gekämpft, um es soweit zu schaffen. Nigel hatte viel Zeit und Geld in sein Geschäft investiert. Außerdem machte er sich Vorwürfe, diese Zeit nicht mit Sarah verbracht zu haben. Das alles traf ihn wie ein Schock. Doch kaum hatte er sich geschäftlich wieder gefangen, traf ihn der nächste unverhoffte Schlag.   

Eines Abends sah Nigel die beiden in einem der trendigen neuen Restaurants in TriBeCa sitzen. Sein kleines Mädchen und William Burks! Er musste einfach stehen bleiben und durch das Glasfenster starren. Sie hielten Händchen. Sarah lächelte Burks verliebt an. Burks beugte sich zu ihr herüber. Er flüsterte Sarah offenbar etwas ins Ohr. Sarah lachte. Dann strich dieser Mistkerl Sarah eine Haarsträne, die sich aus ihrer Hochsteckfrisur gelöst hatte, aus dem Gesicht. Die Geste war so vertraut, so intim. Für Nigel war es, als habe er die beiden beim Liebesspiel ertappt. Angewidert musste er sich wegdrehen. Ein schrecklicher Würgreiz machte sich bemerkbar. Nigel erbrach siech auf den Gehsteig. Danach war er sich wie irgendein x-beliebiger Penner vorgekommen. 

Sarah hatte ihn belogen? Noch beim Frühstück hatte sie ihm erzählt, dass sie mit einer Freundin zum Diner verabredet sei. Nigel fühlte sich von Sarah betrogen. Er konnte nicht mehr klar denken. Eine unbändige Wut auf Burks stieg in ihn auf. Damals hatte er einen Plan gefasst. Damals? Das alles war keine zwei Wochen her. Zwei Wochen, die sein Leben von Grund auf verändert hatten.

Am nächsten Abend stellte er Sarah zur Rede. Es gab eine fürchterliche Auseinandersetzung zwischen ihnen beiden. Sarah warf Nigel an den Kopf, dass sie volljährig sei. Selbst als ihr Vater habe er kein Recht, sich in ihr Leben einzumischen. Sie werde sich auch weiterhin mit William Burks treffen. Nigel hatte zu all dem geschwiegen.

Als Anwalt hatte Nigel auch Kontakte zur Unterwelt. Einen seiner Mandanten, George Scollati, bezeichnete man wohl gemeinhin als Mafioso. Am Tag nach dem Streit mit Sarah rief Nigel Scollati an. Er bekam eine Telefonnummer.

Am anderen Ende der Leitung meldete sich ein Paddy O'Neal. Sie waren schnell ins Geschäft gekommen. Paddy hörte sich wie der nette Junge von nebenan an. Scollati hatte Nigel erzählt, dass Paddy in einem der Vororte ein Reihenhaus mit Garten zusammen mit seiner Frau Mary, den beiden Kindern Mark und Daisy und Yorkshireterrier Lucky bewohne. Eben eine amerikanische Bilderbuchfamilie! Wäre da nicht Paddy's Beruf gewesen. Paddy brachte Leute um - für Geld. Das war sein Job, oder wie Paddy sagte, seine Berufung, denn er war einer der Besten. Nein, der Beste!

Für den nächsten Tag verabredeten sie sich im Golfclub. Nach einer erfolgreichen Partie nahmen sie ein leichtes Mittagessen im Clubhaus ein. Wie zwei ganz normale Geschäftsleute hatten sie miteinander geredet. Über den Tod von William Burks! Paddy wollte ein paar Details aus Burk's Leben wissen. Nichts besonderes, nur wo dieser seine Geschäftsräume habe, die Privatwohnung zu finden sei, welche Gewohnheiten oder Ticks Burks hätte, ob es Frauengeschichten gäbe.
Eben solche Dinge. Nigel beantwortete diese, so gut er  konnte. Von Sarah erzählte er nichts.

Nigel wusste von Burks Leidenschaft für schnelle Autos. Paddy wurde hellhörig. Autos? Ja, Burks fahre einen auffälligen, roten Ferrari. Das brachte Paddy auf eine Idee. Autos seien immer gut, grinste er Nigel an. Können leicht defekt werden. Verlieren zum Beispiel Bremsflüssigkeit. Unangenehme Sache, wenn man auf dem Highway mit überhöhter Geschwindigkeit dahinbraust. Paddy musste nichts weiter sagen. Nigel verstand sofort. 

Bald würde William Burks kein Problem mehr sein. Einige Minuten später klingelte das Telefon. Nigel nahm den Hörer ab. Zu seinem Erstaunen, zitterte seine Hand leicht. Er hörte am anderen Ende der Leitung ein leises Atmen.

"Sind Sie das Paddy?", fragte Nigel in die Stille.
"Ja, Sir. Auftrag ausgeführt! Es gab einen Unfall auf dem Highway. Dabei kam der Fahrer eines roten Ferraris ums Leben. Alles lief soweit nach Plan. Bis auf ein Detail. Es gibt zwei Leichen. Eine junge, auffallende rothaarige Schönheit, saß ebenfalls in dem Unfallwagen. Nigel? Sind Sie noch dran? Hallo, Nigel?"

Doch Nigel war er Hörer aus der Hand gefallen. Sarah war rothaarig.