Die Schreibgruppe WordArt

Leider war der Kurs an der Volkshochschule für "kreatives Schreiben" ausgebucht. Ich war enttäuscht aber dann kam mir der Gedanke, es doch selbst einmal mit einer Anzeige zu versuchen und auf diesem Wege schreibfreudige Leute zu finden. Gedacht, getan und die Resonanz war überwältigend.

Kennen lernen

Ich bat meinen Lieblingswirt, mir das Hinterzimmer zu geben. Und dann habe ich alle Leute zu einem Treffen eingeladen. Zwölf waren es, ich war die Dreizehnte (!), Männlein und Weiblein, alle Altersstufen. Gehemmt und (noch) etwas schüchtern. Nein, ich bin überhaupt nicht abergläubisch! Nun lag es an mir, eine angenehme Atmosphäre zu schaffen.

Ich hatte Papier, Bleistift und Kopiervorlagen vorbereitet. Ich drückte jedem einen Kuli in die Hand und bat, ein Blatt auszufüllen:

Ich heiße: Ursula

ich bin: Lehrerin und ? Jahre alt

ich war: bis vor einigen Minuten noch etwas aufgeregt

meistens: bin ich gut aufgelegt und fröhlich

manchmal: bin ich wütend, wenn ich ignoranten Menschen begegne, die Vogel-Strauß-Politik betreiben

nie: würde ich Spinat essen!

Gestern: habe ich mir Gedanken über das Treffen gemacht

Heute: freue ich mich, dass es so viele Leute gibt, die gerne Schreiben und mitmachen möchten

Morgen: werde ich mir noch mehr Gedanken machen, wie unsere Schreibtreffen positiv verlaufen könnten

Jetzt: bin ich sehr neugierig, wie ihr euch vorstellen werdet

So waren die Leute gleich beschäftigt, mussten nicht frei sprechen und konnten ihre Gedanken zum Vorstellen schriftlich festhalten. Ich begann, wobei ich mich an meinem Blatt Papier festhalten konnte. Wir haben viel gelacht bei dieser Runde, denn es war schon sehr lustig, festzustellen, was die Schreiberlinge nie tun würden (z. B. Spinat essen).

Diese kurze Vorstellrunde regte bereits eine kleine Diskussion an, und so fasste ich schnell den Mut, die Anwesenden nach ihrer Motivation zu befragen und danach, was sie eigentlich von der neu zu gründenden Schreibgruppe erwarteten.

Ziele

Ich versuchte deutlich zu machen, dass ich keine Selbsthilfegruppe gründen wollte - sondern mit Menschen schreiben, und zwar regelmäßig schreiben, der Fantasie freien Lauf lassen. Ich wollte die Gruppe mit Reizwörtern reizen, Fortsetzungsgeschichten formulieren, Schreibspiele spielen, Gedichte dichten, gemeinsam schreiben und vorlesen, kritisieren (Netiquette beachten!), und das alles in angenehmer Stimmung.

Die 12 Damen und Herren waren meiner Meinung. Sie wollten schreiben, Gleichgesinnte kennen lernen, verschiedene Schreibrichtungen ausprobieren. Bei einem älteren Herren hatte ich den Eindruck, dass er mehr autobiografisch schreiben wollte. Eine junge Dame war sehr still, sie hatte auch nur wenige Worte hinter die Schlagwörter geschrieben.

Ich wollte das Treffen nicht endlos ausdehnen. Das sollte fürs Erste genügen ... dachte ich mir. Wir machten einen neuen Termin aus. Bis dahin konnte sich jeder überlegen, ob er/sie regelmäßig mitschreiben wollte. (Ich bat die Leute wirklich darüber nachzudenken, ob sie schreiben wollen und nicht nur reden, denn ich wollte mich auf keinen Fall als Therapiezentrum sehen!)

Zum neuen Treffen kamen einige Leute weniger. Manche entschuldigten sich (sie dachten, dass ich ein Verleger wäre und sie groß herausbringen könnte, oder sie wollten eine Art Selbsterfahrungsgruppe und über ihre Probleme reden welch ein Glück, dass ich das von vorneherein klar gestellt hatte!), manche blieben stillschweigend weg. Der harte Kern reduzierte sich in den kommenden Monaten auf sechs Personen.

 

Schreibspiele

Damit sich die Gruppe besser kennen lernte, bat ich sie, zwei Spalten mit den Überschriften "Was ich mag" und "Was ich nicht mag" anzulegen. Mit dem Anfangsbuchstaben seines Vornamens beginnend, sollte jeder seine Vorlieben und Abneigungen aufschreiben. So erfuhren wir, dass einer unserer Herren ein ganz "süßer Schokoladenfan" war und ein anderer am liebsten in Regenpfützen stapfte.

Was ich mag Was ich nicht mag

Urlaub Unfug

Rosen Regenwetter

Sonnenstrahlen und schreiben Stumpfsinn

USA, Unternehmungen Unsinn reden

Lustig sein Langeweile

Anekdoten und Geschichten Arroganz und Angeber

So ganz wagten wir uns noch nicht an eigene Geschichten. Es sollte zuerst etwas Gemeinsames werden.

Die Reihum-Geschichte

Wir einigten uns auf:

- weiblicher Name und Alter: Hortensie Pfannenstiel, 55 Jahre

- männlicher Name und Alter: Heribert Krummbiegel, 30 Jahre

- Ort: Paris

- Jahr: 1960

- roter Faden: schwarzes Strumpfband

Jeder hatte die Aufgabe, 6 bis 10 Sätze zu schreiben, dann wurde der Text weitergegeben. Zweimal ließen wir den Text herumgehen, den Schluss sollte dann wieder derjenige schreiben, der den Anfang geschaffen hatte.

Das ergab sechs verschiedene Versionen zu einem Thema, denn vorgegeben war ja der "rote Faden".

Pressemeldung

Jeder sollte eine der folgenden Fragen beantworten und den Zettel danach an den Nachbarn weitergeben:

- Wer tut was mit wem? Bei welcher Witterung? Ortslage? Wer war dabei? Was geschah dabei? Sonstige Umstände?

Aus den gefundenen Begriffen sollte jeder eine Pressemeldung formulieren, ohne dabei die Sätze aneinander zu reihen. Die Reihenfolge sollte eingehalten werden.

Ausgedachte Krankheit

Auch hier bereitete ich wieder einen Text vor. Jeder Kulischwinger ließ sich zu folgenden Schlagwörtern etwas Originelles einfallen (auch hier wurde der Zettel nach jedem Schlagwort weitergeben):

- Krankheit

- Anzeichen/Symptome

- Behandlungsvorschläge

- Heilungsdauer

Ich hatte leichte Probleme, die Heilungsdauer meines "Wurmfortsatzpickels" zu bestimmen ... Aber ansonsten hat dieses Schreibspiel großen Spaß gemacht.

Rede und Gegenrede

An einem anderen Schreibnachmittag loste ich Poetenpaare einander zu und bat sie, die folgenden Fragen in Rede und Gegenrede aufzuschreiben und dabei zu schweigen.

- Allgemeine Unterhosenwaschpflicht in der BRD, ja oder nein?

- Die Bedeutung des Haarausfalls beim südamerikanischen Eisbären?

- Wie fühlt sich Tarzan in der Großstadt?

Unsere Schreibgruppe heute

Unsere Schreibgruppe besteht nun schon seit fünf Jahren. Mittlerweile haben wir auch einen Namen für uns gefunden: Wir sind die WordArtisten. Wenn ihr uns auf unserer Seite besuchen wollt, dann schaut doch mal bei http://www.wordart.home.pages.de vorbei. Wir treffen uns regelmäßig alle drei Wochen, jetzt privat zu Hause bei mir, und bei einer Tasse Tee entstehen oft auch spontane Ideen zu einer Geschichte. Wann immer mir ein ungewöhnliches Wort, eine Zeitungsüberschrift oder eine Fernsehschlagzeile auffällt, überlege ich, ob man daraus ein Schreibspiel machen könnte.

Spielt unsere Spiele doch mal nach und erzählt uns von euren Erfahrungen. Viel Spaß!