Bericht der Leipziger Buchmesse 2003

mit freundlicher Unterstützung von Wilhelm Riedel und Antje Schnabl

(Interessengemeinschaft deutschsprachiger Autoren)


Gesamtprogramm

Diesmal war es strahlender Sonnenschein, der die Besucher – immerhin 88.000 an der Zahl, wie die Presse berichtete – zum Gelände der Leipziger Buchmesse zog. Die Glaskuppel war sonnendurchflutet. Die Kombination von Buch und Kaffee, der in den Hallen lag, faszinierten mich wie eh und je.

Es machte Spaß in den Gängen zu schlendern und sich die einzelnen Stände anzusehen. Die Aussteller hatten sich wieder einiges einfallen lassen, um auf sich aufmerksam zu machen. Interessant waren die Podiumdiskussionen mit Günter Grass und Peter Scholl-Latour zur Lage im Irak-Krieg.

Allgemein ist mir aufgefallen, dass man sehr oft angesprochen wurde. Verleger, Lektoren, Mitarbeiter – sie alle waren gerne bereit Fragen zu beantworten oder ihr Verlagsprogramm vorzustellen und auf spezielle Bücher hinzuweisen.

Auch Michael Ande, der Kommissar Heimann von der Serie "Der Alte" erzählte mir gerne, dass man oft noch in ihm den kleinen Jungen von der "Schatzinsel" sah.

Halle 3, Stand A 107 – dort hielt eisern Wilhelm Riedel die Stellung. Liebevoll hatte er die Bücher der IgdA-Mitglieder drapiert und arrangiert und die Aufnahmebögen für potentielle neue Mitglieder in der Hand. Die Freude war groß bekannte Gesichter zu sehen, zu plaudern und sich über die Buchmesse im Allgemeinen und im besonderen auszutauschen. Die IGdA teilte sich den Stand mit dem Ferber-Verlag. Auch Grete Wassertheurer, die einen eigenen Stand ihrer Zeitschrift "Das Boot" unterhielt besuchte den IGdA-Stand und plauderte angeregt.

Herr Riedel
IGDA-Stand


Stisser/Imig
Lesung

Kurz danach stießen die beiden Gewinnerinnen für die Lesung, Frau Frideborg Stisser und Frau Magdalene Imig zum IGdA-Stand. Die Lesung war für 12:00 Uhr im Forum angesetzt.

Wilhelm Riedel moderierte die Veranstaltung und begrüßte die anwesenden Zuhörer und vortragenden Autoren.

"Ich begrüße Sie zu der Lesung ‚Menschen schreiben für Menschen’.

Veranstalter ist die IGdA - Interessengemeinschaft deutschsprachiger Autoren -, eine internationale Vereinigung von Menschen, die in deutscher Sprache schreiben, und der Ferber-Verlag, den die Presse als glücklichsten Kleinverleger der Stadt Köln bezeichnete.

Das Motto unserer Veranstaltung "Menschen schreiben für Menschen" widersetzt sich dem Trend, der den Buchhandel beherrscht. Dort schreiben Stars für Konsumenten, die einzige menschliche Verbindung ist das Autogramm.

Wir möchten etwas aufleuchten lassen von der Utopie, dass der Autor seinen Text an einen Leser schreibt, der ihm antwortet; also selbst zum Autor wird, der seinen Leser sucht. Unsere Autoren haben diese Utopie nicht ganz vergessen.

Ich stelle Ihnen Magdalene Imig vor. Als Kölner Mädchen spricht sie Texte in Mundart, zusammen mit einer Rockgruppe. Gern wird sie zu Rezitationen eingeladen, denn das hat sie gelernt. Ihr Schwerpunkt aber liegt auf dem Gebet. Nicht in solchen, die man herunter leiert und in denen kein Gott zu finden ist. Sie führt hin zu Gesprächen mit sich selbst und zu dem, was in uns ist und unsere Kleinheit übersteigt. So lautet ein Titel: "Nein, lieber Gott, jetzt nicht!" Das ist Aufbegehren im Gebet.

Heute liest Magdalene Imig aus "Bin ich oder nicht?" Geträumte Wirklichkeiten.

Elmar Ferber, der sich hier auf der Messe als Kölns glücklichster Kleinverleger vorstellt, hat unterschiedliche Erfahrungen in journalistischer und künstlerischer Arbeit gesammelt. Er produzierte Dokumentationen für das Fernsehen, schrieb Romane für Heranwachsende und gab Anthologien heraus.

Der Roman, aus dem er heute vorliest, "Der Tangotänzer", stellt das Gegenstück zum glücklichsten Kleinverleger dar; er ist Ausdruck einer tiefen Melancholie. Wenn zeitweise etwas Machohaftes zutage tritt, so setzt sich doch eine andere Melodie durch: Die Seufzer des Bandoneons.

Von Isolde Ahr sagt man, dass sie mit beiden Beinen fest auf der Erde stehe. Ihre Texte machen Mut. Das wird in vielen Anthologien bestätigt, sie zeigt es in Lesungen, auch im Rundfunk und im Fernsehen. Der Titel ihres Lyrik- und Prosabandes "Trau dich Frau!" scheint dies zu bestätigen.

Aber Mut macht auch der amerikanische Präsident seinen Soldaten. Ich denke, bei Isolde Ahr geht es um etwas anderes. Bei allen Fröhlichkeiten taucht Nachdenkliches auf, Ernst setzt sich durch. Es ist nicht zu übersehen, dass sie gelegentlich wankt.

Als ich Friedeborg Stisser zum ersten Mal erlebte - sie sprach über den rechten Gebrauch der Sprache - erschien sie mir edel - aristokratisch. Wer sich auf ihre Texte einlässt, entdeckt einen Hang zur Kindlichkeit. In dem Märchenroman "Gläserne Kugel", erschließt sich uns auch "Trotz" gegen die Schläfrigkeit der eingebürgerten Menschen. Verständigung ist ihr ein Problem, in dem Roman "Was denkst du, wenn du mit mir redest?" Alle Erfahrung ist bei ihr von einem Traumhaften umgeben.

Menschen schreiben für Menschen.

Vergessen Sie diese Utopie nicht! Bewahren Sie, was Sie gehört haben, und schreiben Sie Ihre Antworten."

(Text von Wilhelm Riedel)

Während der Lesung hielt Herr Fritz Helm die Stellung am IGdA-Stand. Nicht zu überhören war uns gleich gegenüber der Stand eines großen Druckkostenzuschussverlages. Deren Autoren lasen mehr oder weniger lautstark aus ihren Werken.


Helm





Ein großes Thema:

Die Beteiligung der Autoren. Ich fand kaum kleine bzw. mittlere Verlage, die keinerlei Zuschüsse von den Schreibern verlangen. Dafür wurde erwartet, dass die Autoren tatkräftig beim Vertrieb mithelfen. Mittlerweile glaube ich auch, dass die ca. 80.000 Neuerscheinungen die jährlich auf dem Buchmarkt erscheinen, daraus resultieren, dass die Autoren dafür bezahlen, veröffentlicht zu werden.

Es gibt für einen Neuling bei großen Verlagen kaum eine Chance unterzukommen. Sie haben meist ihre eigenen Schreiberlinge bzw. können es sich leisten teure Lizenzen aus dem Ausland zu kaufen. Diese Auskunft erhielt ich vom Aufbau-Verlag, der nur "anspruchsvolle Literatur" verlegt und vom Bastei-Lübbe-Verlag. Sie schränkten allerdings ein, auch über Wettbewerbe mal den einen oder anderen Autor zu verlegen.

Ein neuer Berufszweig ist entstanden: Der Coacher. Gedanken dazu hat sich Antje Schnabl gemacht.


Antje Schnabl


Schnabl & Wassertheurer
Antje Schnabl bei der Lesung
Antje Schnabl und Grete Wassertheurer


Nachlese zur Leipziger Buchmesse 2003

Ich bin von der Buchmesse zurück. Noch längst sind nicht alle Eindrücke verarbeitet und noch weniger alle mitgebrachte Literatur. Es war natürlich interessant, die Vielfalt zu erleben. Aber auch ernüchternd, wenn nicht gar deprimierend, was die ganze Literaturszene angeht. Es herrschen keine normalen Verhältnisse mehr in dem Sinne, dass jeder Beteiligte seinen Job erledigt:

Gibt es irgendwo dazwischen noch Agenten, die sowohl den Autor als auch den Verlag unterstützen? So war es einmal. Und so sollte es für mein Verständnis auch sein.

Aber nein. Abgesehen von den wenigen "großen", namhaften Autoren, die mit ihrem Werk an die Öffentlichkeit gebracht werden, sollen nach Wunsch der Verleger die Autoren doch gefälligst selbst sehen, wie sie Leser finden. Es sei denn, sie zahlen kräftig. Dann schmückt man sich gern mit Büchern und Autoren, die man schließlich ja heraus gebracht hat.

Ich bin insofern ziemlich verärgert aus Leipzig weg gefahren. Verständnis für die Kleinen? Hm, was heißt klein? Jeder, der ein Unternehmen leitet, muss sich vorher mit seiner Geschäftsidee auseinander setzen, den Markt sondieren und seine Unternehmungen darauf ausrichten. Wenn der kleine Verleger darauf aufbaut, dass seine Autoren sich an den Druckkosten beteiligen und den Verkauf über Lesungen erledigen, die sie selbstredend gefälligst selbst zu organisieren und auszurichten haben, dann ist ein solches Unternehmen eben in meinen Augen ein Versuch, Geld zu verdienen, nicht aber einen Verlag zu führen. Und dafür fehlt es mir nicht nur an Verständnis.

Ein solcher Verleger kann für mich kein Partner sein. Ganz vereinzelt gibt es auch echte Kleinverleger. Die unbekannten Autoren eine Chance geben. Die aber wohl inzwischen in Deutschland an einer Hand abzuzählen sind und alle wirtschaftlich zumindest sehr wackelig da stehen. Und dadurch eben auch keine gute Partnerschaft, die beiden Seiten Nutzen bringt, möglich ist.



In dem Zusammenhang ärgert mich ein weiterer Auswuchs dieser kranken Literaturszene. Nämlich die sogenannten Autoren-Coaches oder private Lektoren. Sie wollen den Autor unterstützen und fördern, was natürlich seinen mehr oder weniger angemessenen Preis hat. Wobei bitte wollen sie ihn unterstützen?


Beim Schreiben? Wohl kaum. Um mehr aber hat sich der Autor normalerweise nicht zu kümmern. Eine Idee in Sprache und Worte umzusetzen, eine Geschichte zu erzählen, die den Leser amüsiert, unterhält, fesselt, informiert usw., das ist das, was der Autor kann und soll. Was ihm niemand abnehmen kann.


Das fertige Werk dann aber zu veröffentlichen, dabei braucht er Unterstützung. Was nicht heißt, er muss sich ums Layout kümmern oder um den letzten Schliff vor Einreichung eines Manuskriptes an einen Verlag oder eine Redaktion. Das aber, was diese "Coaches" bieten, ist die auf die Hoffnung von Autoren und auf ihre zugegeben oft unzulängliche Kenntnis des Literaturmarktes gegründete Absicht, Geld zu verdienen. Keine Hilfe für einen Autor, der sein Handwerk versteht.



Bleiben die wirklich hilfreichen Geister, die Agenten. Wo sind sie? Große Namen immer wieder in den einschlägigen Medien. Die Leipziger Buchmesse ignorieren sie seit Bestehen. Und für unbekannte Autoren sind sie genau so wenig ansprechbar wie die Verlage. So gibt es sie, wie es auch die wirklichen Verlage gibt. Aber nur außerhalb des Bereiches, in dem sich jeder Autor bewegt, der nicht entdeckt wurde oder dem die nötigen Beziehungen zu einem Lektor oder Verleger oder zu Jurymitgliedern der zahllosen Wettbewerbe fehlen."

(Gedanken von Antje Schnabl)

Ich habe es ähnlich empfunden. Unter der Hand wurden die "Guten" und die "Abzocker" gehandelt. "Der verlangt Druckkosten, macht aber den Vertrieb". Zu dem geht man besser nicht, denn der verlangt enorme Druckkosten (4 bis 5-stelliger Bereich!), verlangt extra für das Lektorat (wenn er denn eines macht!) und man muss auch noch selbst für den Vertrieb sorgen oder mindestens 100 Exemplare des eigenen Buches auch noch kaufen usw...."

Ein Verlag in München sagte mir ehrlich (ich habe ihn auch darauf festgenagelt!), dass man sein Geld für die Druck- und weiteren Kosten nicht mehr herein bekommt. Und das war noch einer von den "Guten", die Marketing und Vertrieb für ihre Autoren vornehmen.

Nur wenige haben es geschafft und verdienen als Freiberufliche ihr Geld mit Schreiben. Erfreuen wir uns, die noch einem Brotberuf nachgehen, an den kleinen Dingen:

und nicht zuletzt den Besuch der Buchmesse, der wie immer ein Erlebnis war.

(Ursula Schmid-Spreer)